Hier sollen immer wieder mal Kritiken, Rezensionen, Nachrufe etc. erscheinen


Neulich veröffentlichten YES (also Steve Howe und seine Freunde) ein neues YES-Album „Aurora“ – das 24ste.

Mit fiel neulich auch wieder „Open your eyes“ von 1997  in die Hände. Eines, welches eigentlich äußerst selten aus meinem CD-Regal fällt. Trotzdem hatte ich da wieder mal einen „Wie die Zeit vergeht“-Moment – denn Steve Howe heute ist (wieder) 30 Jahre YES.

Er war es von 1970 bis 1980 – als YES zu dem wurden womit man sie heute (wieder) assoziiert: Eine der größten Prog-Rock Bands aller Zeiten.

Doch dann kamen die 80er Jahre. Am Papier hätten sie ohne YES stattfinden sollen, jedoch kam da 1983 die berühmte Platte „90125“ auf den Markt. Das war die perfekte Produktion zur perfekten Zeit mit ein paar YES-Musikern die sich (das Marketing half nach) wieder YES nannten – aber eben nicht mehr Steve Howe. Der wiederum hatte mit ASIA auch seinen Hit-Moment! (1982: Heat of the moment)
Das Jahrzehnt ging in Rechtsanwaltskanzleien zu Ende und ein neues begann, welches aus 2 juristisch getrennten YES-Organisationen ein Oktett formte. Es folgte eine turbulente Konsolidierungsphase und YES schrumpfte aus wirtschaftlichen Gründen wieder auf 5 (bis 6) Leute. Ab 1996 wieder mit Steve Howe!

1997 erschien „Open your eyes“ mit dem „feat. Steve Howe“ Badge auf Cover und Konzertplakaten. Auf selbigen stand aber auch groß auch „Owner of a lonely heart“ wenn ich mich recht erinnere – mit dieser bitteren Pille muss er bis heute leben. Am 2.4. 1998 sah ich YES das erste mal live in der längst abgetragenen LIBRO Music Hall….
Owner of a lonely heart mussten sie als Zugabe bringen, Betonung auf „Mussten“


Die Produktion klingt natürlich vom ersten Ton an sehr nach YES – aber wäre da nicht der Aufkleber gewesen, der Opening Track New state of mind verrät noch nicht zu viel über eine neue Handschrift des zurückgekehrten Gitarristen. 


Der Title-Track Open your eyes verrät bei genauerem Hinhören schon etwas mehr. Leider noch immer ohne den „Ahhhh“ Effekt der sich bei mir üblicherweise schon bei den ersten Takten vieler YES-Produktionen einstellt.


Universal Garden macht dann im Intro unverkennbar klar, wer hier Gitarre spielt. 


No way we can lose beginnt als etwas unbeholfene Blues Imitation (mit Mundharmonika, vermutlich Chris Squire)


Fortune Seller beginnt rythmisch sehr interessant. Auch Chris Squire Fans kommen auf ihre Rechnung. Das erste YES-würdige aber kurze Orgel Solo ist auch zu hören!


Man in the Mirror: Howe wieder mehr 80er Jahre YES, Lead-Stimme Sherwood? Squire?


Wonderlove ähhh

From the Balcony: 1974 durften Anderson und Howe noch ein ganzes Doppelalbum mit immerhin doch 4 Titeln, das Opus Magnum „Tales of topographic oceans“ vorantreiben. 1997 bleibt es bei dieser kurzen Akustik Gitarre – Vocal Kollaboration. 


Love Shine: Noch immer schafft das Album sehr gut den Anschluss an die letzte Studioproduktion (Talk von 1994 mit Trevor Rabin) Das Intro verspricht aber leider schon wieder mehr als das was folgt…

 

Somehow….Someday

Jon Anderson hat wieder ein liebliches Ständchen aus seinem Love, Peace and Spirit Köfferchen geholt, Chris Squire fiel aber just zur selben Zeit der massive Bass von „City of love“ (90125) wieder ein. Ein YES sehr wohlgesonnener Kritiker könnte hier vielleicht „Bemüht“ schreiben!

 

The Solution

Was bis hier nicht ist…wird auch nicht mehr. Viel mehr fällt mir zum letzten Track leider auch nicht ein!


Aber – oho, first time listen in 30 Jahren: Da ist ein hidden Track (eine Produktions-Unart in den 90ern!) versteckt. Naturgeräusche, Zirpen, Rauschen, Zwitschern (eine Hommage an das Close to the edge Intro?) und alle heiligen Zeiten kommt eine acappella YES Hookline des Albums aus dem Nichts im Hallgewand daher.

Bemüht!

 

Interessant ist weiters, dass YES 1997 offiziell aus 2 Gitarristen (Billy Sherwood und Steve Howe) jedoch ohne (!!) Keyboarder bestand. Igor Khorosev spielte das meiste ein (aber auch Steve Pocaro von Toto war dabei!) – das russische Jungtalent durfte auch live auf Tour und gehörte dann (kurzfristig) auch offiziell dazu.

Sherwood fungierte schon als Live-Unterstützung für Trevor Rabin (1994) und wurde dann offenbar von Chris Squire mit ins „Howe-Lager“ übernommen. Der bereits 2015 verstorbene YES Bassist war seit 1968 die Konstante gewesen, Sherwood war sein Writing- und Recordingpartner geworden – schlussendlich auch sein gelehriger Schüler. Denn als Squire wegen seiner fortgeschrittenen Leukämiediagnose pausieren musste, setzte er persönlich Sherwood fortan als Bassisten (!) ein – er ist es bis heute bei YES.

Open your eyes war von der Genese her eigentlich ein Squire-Sherwood Solo Album. Aber wie schon 1982/83 als aus einer vermeindlich neuen Band wieder YES wurde, war es angeblich auch hier! 

Ich sage es ungern, aber der Produktion fehlt der (als Bandmitglied integrierte) Keyboarder! Rick Wakeman fehlt! (Er war noch 1996 bei der kurzen Keys to Ascension-Phase wieder mit dabei) Es sind natürlich auch viel zu wenig Keyboard Solos zu hören!

Irgendwie kein „Ahhhh“ Effekt - bis zum Schluß, kein „rundes“ Werk wie ich meine.


Im „Gesamtwerk der größten Rock-Acts im Check“ rangiert dieses Album übrigens im YES-Canon (nur mit Union von 1991) in der Rubrik „Fehlkauf“ (Aber bei 20 bewerteten Alben zwischen 1970 und 2000 darf man da schon auch 2x daneben liegen) 7 gehören ja immerhin zu den Gruppen „Kaufrausch“ und „Pflichtkauf“.

Gelungen ist aber die schrittweise Transformation der 80er Jahre YES in eine Richtung in der YES wieder mehr in jene Richtung gingen, die sie irgendwann 1978/79 verlassen haben.


Steve Howe hat alle Facetten eingebracht – er kann auf dem Album auch Trevor Rabin sein (möchte es aber nicht), es gibt viel akustisches und viel Slide zu hören. Alles in allem ein sehr gelungener und stimmiger (Wieder) Einstieg.


Er ist heute der letzte Mohikaner – Jon Anderson und Rick Wakeman auch noch da und erstaunlich fit. Nur YES dürfen sie nicht mehr sein. Die Fans haben sich in den Jahrzehnten daran gewöhnt.

Das bewundernswerte ist, dass YES in der neuen deutlich verjüngten Besetzung regelmäßig neue Musik veröffentlicht. Zum Teil durchaus YES-würdig! 

Weniger bewundernswert, dass sie Live nur der goldenen alten Zeit nachhängen (1997 gehört eindeutig nicht dazu!) und somit zu ihrer eigenen Coverband verkommen - Und da gibt es zum Teil bessere!