Hier sollen immer wieder mal Kritiken, Rezensionen, Nachrufe etc. erscheinen


 


Phil Collins 

„Hello I must be going“


Mit „In the Air tonight“ war er über Nacht Solo-Star und Genesis Sänger gleichzeitig. 
Doch das reichte noch nicht.

Ein kurzer Abriss seines  künstlerischen Jahres 1982:

  • Produzent und Musiker auf dem Debut Album von ABBA Sängerin Frida „There’s something going on“ – Aufnahme: Februar bis März 1982 (in Stockholm)
  • „Hello I  just be going“ Aufnahme: Mai bis Juni 1982
  • August/September: Genesis Tournee
  • Oktober: Einmalige Genesis-Reunion mit Peter Gabriel
  • Zwischenzeitlich Schlagzeug auf Robert Plants erster Solo-Platte „Pictures at Eleven“
  • November/Dezember: Erste PC-Solo Tournee 


„Hello I must be going“ war seit dieser Zeit durchaus programmatisch zu verstehen – PC war über 10 Jahre so gut wie überall gleichzeitig, sein Name bürgte für hohe Verkaufszahlen. Er ist bis heute vermutlich der multi-talentierteste Schlagzeuger, den England je hervor gebracht hat. Dieser Lebensstil zollt späten Tribut – heute 73 jährig ist PC nur mehr ein Schatten seiner selbst: Unfähig Schlagzeug zu spielen und leider auch nicht mehr fähig zu singen.

 

I don’t care anymore

Hier spielt unverkennbar Drummer PC. Aber auch der Neo-Produzent (Frida) PC lässt die Toms unterschiedlich mit Hall und gated Reverb erklingen.
Auch den (vermutlich?) Prophet 5 Syntheziser bedient PC; außer der Gitarre (good old Daryl Stuermer) macht er eigentlich alles selbst.
Es ist kein zweites In the air tonight, aber man merkt das Bemühen - düsteres und beklemmendes New Wave Getrommel.  

I cannot believe it’s true

PC switcht den Stil um 180 Grad: Leichte Easy Listening Bläser (die legendären Phenix-Horns), beschwingte Rhythmus Gitarre, Percussion. Man glaubt Ihm die Leichtigkeit mit der er hier groovt und singt (und produziert). Der Song geht ins Ohr und hat trotzdem (?) seine musikalischen Leckerbissen zu bieten. So auch die Weltpremiere des Phenix-Chores.

Like China

Daryl Stuermer spielt hier ein wenig wie Andy Summers von The Police. PC singt Dialekt, fast als wolle er Johnny Rotten imitieren. Wieder ein Stilwechsel – ein bißchen Punk? New Wave? Auf jeden Fall viel Schlagzeug-Toms (wen wundert es?) Das Gitarrensolo von Daryl Stuermer könnte - etwas bearbeitet - das gleiche wie von „I know there ist something going on“ (Frida) sein

Do you know, do you care

PC macht wieder (fast) alles selbst – auch ein Debut an der Trompete! Gated Reverb Drums, Prophet 5, Moog Basspedal – fast schon fertig ist die bedrohliche Stimmung. Bei Genesis wären es ein paar Takte Intermezzo gewesen, bei PC ist es ein ganzer Track. – eine für 1982 sehr zeitgeistige Aufnahme!

You can’t hurry love

Der Grund warum PC in diesen Jahren häufig Hut und schwarze Sonnenbrillen aufsetzen musste. Das Album geriet in Vergessenheit, das Surpremes Cover ist bis heute ein gern gespielter all time classic. So klassisch, dass es sehr viele PC in die Schuhe schieben, nicht wissend dass PC hier der Musik seiner Jugend die Ehre erweist (Happy Birthday Diana Ross übrigens, dieser Tage 80!) 
Die Nummer passt eigentlich sowas von nicht auf diese Platte, gleichzeitig offenbart sie das Erfolgsgeheimnis von PC Anfang der 80er Jahre: Er passte in keine Schublade mehr! Alles was er anfasste wurde zu Gold und sein Spektrum reichte damals schon vom Hardcore Progressive Rock bis hin zu Motown und Jazz….

It don‘t matter to me

Ähnlich flockig wie die zweite Nummer geht es weiter. PC am Schlagzeug, an den Tasten und Gesang – alles erstaunlich stimmig! Phenix Horns, Mo Foster (Bass), Daryl Stuermer (Git) – fertig war die Big Band. Musikalisch etwas einfacher als I cannot believe it‘s true gestrickt, besticht die Nummer aber abermals durch großen Spielwitz

Thru these Walls

Heikles Thema – guter Text, anschauliches Video. Vielleicht sogar Peter Gabriel light! PC als lauschender, spechtelnder Uncle Ernieverschnitt, Gänsehaut! 
Phantastischer Fretless Bass (Mo Foster) und In the air tonight fills included

Don’t let them steal your heart away

Und hier spielt PC sein letztes Ass aus: Er konnte auch wunderbare Hollywood-taugliche Schmuseschnulzen – Spezialgebiet verwundeter, betrogener Mann.
Wieder ein Stilwechsel um 180 Grad. Er hatte in diesen Jahren begonnen Klavier zu spielen. Auch wenn man das hier hört, es kam offenbar sehr rasch was sehr Gutes dabei heraus….

Dieser Track hat sogar etwas mehr Schwung als vergleichbares (etwa Against all Odds) und ein sehr schönes String Arrangement. Musik aus einer Zeit, wo man Künstler am Schluss noch für das Sahnehäubchen in den großen Studiosaal mit Streichorchester schickte…Vorausgesetzt die Platte spielte Gewinn ein. Und das war nach In the air tonight wohl keine Frage mehr…

The West Side

Das war der Track über den ich neulich stolperte und mir die ganze Platte wieder in den Sinn kam. PC als phantastischer Schlagzeug-Dirigent. Hier dirigiert er mit dem Rhythmus Bläser und Gitarre – alles andere macht er wieder selbst. Es ist nicht Earth Wind and Fire oder Blood Sweat and Tears, aber man spürt den Einfluss. Es wurde etwas wie (einer der vielen) PC-Stile daraus. 

Why can’t it wait til morning

Ein klagender Phil versinkt wieder im Schnulzen-Orchester. Das wäre die böse Formulierung. Würde man es aber einem Andrew Loyd Webber Musical zuschreiben, gäbe es dafür Applaus!

Und dem muss ich mich anschließen, es ist ein kleiner großer Schlußsong – vorgetragen wie in einem Musical.

 

Fazit:

Einen Debuterfolg wie Vace Value (mit In the air tonight) zu wiederholen ist vermutlich ein Ding der Unmöglichkeit. Dieses Lied konnte fast zeitgleich ein gewisser Hans Hölzel in Wien auch singen. Junge Römer galt damals als Flop – heute wird es verehrt. Für beide Künstler gilt (wieder fast zeitgleich): Das dritte – in Rot-Tönen gehaltene Album übertraf dann das Debut kommerziell dafür um Längen!

PC gab sich alle Mühe und beeindruckt hier durch seine große stilistische „Phil-fältigkeit“.

You can’t hurry love wurde runter und rauf gespielt – vom Rest hatte ich (bevor ich die CD vor Jahren erwarb) nie etwas gehört. Natürlich versucht man als Künstler die zufällig (?) gefundene Erfolgsformel des Erstling zu kopieren – aber man vergisst, dass man dadurch nicht mehr so am Punkt wie beim ersten Mal ist, und man vergisst, dass dieses Bemühen von Publikum und Kritik mitunter nicht so geschätzt ist. 

Ich schätze an der Platte den noch "unverbrauchten" PC, der vieles ausprobiert und fast überall überzeugt!